NCAA-Teampreview 2012/13: Elias Harris und die Gonzaga Bulldogs

Das zweite hier vorgestellte NCAA-Team ist das für Basketball-Fans aus Deutschland wohl – neben Niels Giffeys Connecticut Huskies – interessanteste College-Team: die Gonzaga Bulldogs um den deutschen Nationalspieler und das momentan wohl einzige deutsche NBA-Prospect Elias Harris.

In der March Madness 2012 scheiterten die Gonzaga Bulldogs um Elias Harris in der Round of 32 am späteren Final-Four-Teilnehmer Ohio State mit 66-73. Zum zwölften Hauptrundentitel in der West Coast Conference in Folge reichte es, aufgrund einer Niederlage gegen Saint Mary’s in der Overtime, in diesem Jahr ebenfalls nicht. Dabei bot das Team aus Spokane, Washington einen guten Mix aus starken Inside-Spielern und gefährlichen Guards: Freshman-PG Kevin Pangos etablierte sich mit 13,6 PpG gleich als Topscorer, ihm folgten PF Elias Harris (13,1 PpG), C Robert Sacre (11,6 PpG) und SG Gary Bell Jr. (10,4 PpG). Trotz dieser ausgeglichenen Punkteverteilung wurde Gonzagas Headcoach Mark Few in der deutschen Basketballszene wiederholt vorgeworfen einen sehr guardlastigen – und damit ein suboptimalen und wenig erfolgversprechenden – Spielstil zu fördern, indem er seinem Backcourt Narrenfreiheit gäbe. Zu leiden hätte darunter Elias Harris, für den es in seinem letzten College-Jahr nachwievor darum geht, sich in den NBA-Draft zu spielen. Dass er selber weiterhin an seine NBA-Chance glaubt, hörte man zu Beginn der Off-Season aus seinem persönlichen Umfeld. Warum auch nicht, konnte Harris doch mit einer offensiv wie defensiv starken Saison punkten. Im Angriff war er sogar die erste Option: Mit 325 genommenen Würfen und einer Usage von 13,26 Individual Plays (ballbesitzbeendende Aktionen) pro Spiel führte er die Zags in diesen Kategorien an. Ihm folgen Pangos mit 318 FGA und  13,08 USGpG, Bell (230 FGA/9,79 USGpG), Sacre (229 FGA/11,56 USGpG) und Dower (195 FGA/8,19 USGpG). Auch hier zeigt sich wieder die Ausgeglichenheit zwischen Back- und Frontcourt bei den Zags. Weshalb entsteht also der Eindruck eines guardlastigen Spiels?

Für die Beantwortung der Frage bedarf es eines kleinen Exkurses: Es sind in meinen Augen mehrere Faktoren, die den Eindruck eines guardlastigen Spiels erzeugen. Erstens waren es seit Harris erstem Einsatz für die Bulldogs in der Saison 2009/10 die Point-Guards, die das Spiel der Zags offensiv bestimmten. Ob Matt Bouldin, Steven Gray oder jetzt Kevin Pangos: Stets nahmen die Guards im schnellen Spiel der Zags zwischen 350 und 400 Würfen pro Saison, gerne auch mal den Dreier im Fast-Break. In Harris‘ Freshman-Saison, in der er sich durch seine überragende Leistung in die Mockdrafts vieler NBA-Experten spielte, rangierten Bouldin und Gray vor ihm in der offensiven Nahrungskette. In Harris‘ etwas schwächerem Sophomore-Jahr nahm Gray sogar fast 100 Würfe mehr als er. Lediglich in der letzten Saison, in der Harris erstmals die Rolle des erfahrenen Leitwolfs ausfüllen musste, war er auch die erste Option in der Offense. Und trotzdem nahm Pangos als Freshman fast genau so viele Würfe wie er. So war die Offense der Zags in den letzten Jahren, in denen man das Team in Deutschland besonders intensiv verfolgte, von den Guards geprägt. Dieses Bild unterstützte Pangos sicherlich zweitens dadurch, dass er gegen Ende der abgelaufenen Saison nicht seinen besten Basketball spielte. Im Finale um die WCC-Championship gegen Saint Mary’s nahm er insgesamt 18 Würfe, 10 davon vom Perimeter, von denen er lediglich 3 in Zählbares umwandeln konnte. Gegen West Virginia in der Round of 64 sah es dann mit lediglich 7 Wurfversuchen zwar wieder besser aus, gegen Ohio State nahm er jedoch 13 Würfe, aus denen er nur 10 Punkte machen konnte (wobei man hier nicht vergessen sollte, dass er mit Aaron Craft den besten Perimeter-Verteidiger der NCAA als Gegenspieler vor sich hatte). Diese schlechte Performance Pangos‘ gegen Ende der Saison sorgte sicher dafür, dass sich der Eindruck des guardlastigen Spiels der Zags weiter bei deutschen Fans festigte. Der wichtigste Punkt ist aber in meinen Augen drittens, dass Teile der deutschen Basketball(fan)szene ein eher gestörtes Verhältnis zu Mark Few pflegen: Seit jeher wünschten sich (nicht nur) die Coaches der deutschen Nationalmannschaften, in denen Harris spielte, dass Harris auf dem College als Small-Forward eingesetzt und individuell geschult wird. Few sah in Harris aber eher einen Power-Forward und setzte ihn dementsprechend ein. Mit Erfolg, denn mit seiner Athletik und mittlerweile konstantem Schuss war Harris vielen Gegenspieler auf der 4 überlegen. Im Hinblick auf seine Karriere wurde dies jedoch kritisch gesehen, da er seine körperliche Überlegenheit im Profi-Bereich auf dieser Position verlieren würde. Few sieht das naturgemäß anders: „Everybody wants him to be an NBA three man. He’s more suited to be a four man, but he has improved his perimeter game two hundred percent.“ Few hält Harris also für geeigneter als PF und setzt ihn dementsprechend auch ein. Inwieweit das Auswirkungen auf Harris‘ Profikarriere in der NBA oder auf hohem europäischen Niveau hat, kann zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht gesagt werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass er als Profi auf der 3 spielt, ist in meinen Augen aber sehr hoch. Da wird er sich akklimatisieren und sein Spiel dementsprechend justieren müssen. Die Befürchtung, dass dieses nicht gelingt, erhöht die Skepsis gegenüber Few und seinem Spielstil generell.
Betrachtet man aber mal die Zahlen der Guards genauer, gibt es für diese Skepsis eigentlich keinen Grund: Pangos und Bell punkteten beide äußerst effektiv, mit effektiven Wurfquoten (die höhere Punktzahl des Dreiers wird in der Berechnung der Quote gewichtet) von 56% und 61%. Harris kommt hier auf 55% eFG. Pangos erzielt außerdem 1,04 Points per Play, Bell deren 1,06 und Harris liegt bei 0,99 PpP. Dabei hat Harris den Ball mit 13,26 Individual Plays per Game am häufigsten in der Hand, Pangos folgt mit 13,08 und Bell liegt bei 9,79 individual plays. Nüchtern betrachtet sind die Guards in der Offense über die gesamte Saison gesehen also sogar effektiver als Harris.

Was ist also von den Gonzaga Bulldogs zu erwarten? Zunächst einmal: wieder ein guter Mix aus Spielern in Korbnähe und am Perimeter.
Im Backcourt gehen die bereits erwähnten Guards Kevin Pangos und Gary Bell Jr. in ihr zweites Jahr bei den Zags. Pangos ist als offensiv ziemlich kompletter Guard in der Lage seine Mitspieler ins Spiel zu bringen und selber zu punkten. Arbeiten muss er jedoch an seiner Wurfauswahl, an seiner Court-Vision und an der Erkenntnis, dass er vielen Gegenspielern körperlich unterlegen ist. Er hat das Talent, seine Mitspieler noch besser einzubinden und wird lernen abzuwägen, wann er selber punkten muss und wann nicht. Von dem jungen Kanadier erwarte ich in der nächsten Saison einen Leistungssprung, der sich weniger in der eigenen Offense (die war schon ziemlich gut) widerspiegelt, sondern in seinen Qualitäten als Floor-General. Im Sommer verbrachte Pangos viel Zeit mit Gonzaga-Alumni (und Vater seines Back-Ups David Stockton) John Stockton und dem kanadischen Nationalspieler Steve Nash – gibt es bessere Lehrmeister in Sachen Court-Vision?! Shooting-Guard Gary Bell Jr. hat ein überragendes Freshman-Jahr hinter sich: Der effektivste Scorer im Team der Zags besticht durch eine gute Wurfauswahl, der genau weiß, wann er scoren muss und wann er besser seinen Teamkollegen den Vortritt lässt. Im Gegensatz zu Pangos überzeugte Bell auch auf der großen Bühne, in der Round of 32 war er mit 18 Punkten und hervorragenden Quoten (72 eFG%) der Topscorer. Bell ist zwar nicht der athletischste Spieler auf seiner Position und auch ein eher durchschnittlicher Verteidiger, aber dafür ein wirklich intelligenter und mit hoher Intensität spielender Guard und ein herausragender Shooter. Dritte Kraft in der Backcourt-Rotation ist Junior David Stockton, der hauptsächlich hinter Pangos zum Einsatz kommen wird. Stockton ist ein solider PG, der nicht viel verkehrt macht, wenn er auf dem Court steht. Seine Assist/Turnover-Ratio ist mit 1,61 durchaus solide, Stockton punktet nur, wenn ihm die Gelegenheit dazu geboten wird. In der Regel setzt er jedoch bevorzugt seine Mitspieler in Szene. Die Small-Forward-Position ist bei den Zags nicht für die Stars und die großen Zahlen gemacht: Guy Edi und Mike Hart müssen sich vor allen Dingen in der Defense und beim Rebound ins Zeug legen. Intensität zeichnete vor allen Dingen Mike Hart, den besten Defender der Zags, aus. Da Hart in der Offense jedoch wirklich gar keine Gefahr ausstrahlt (42% eFG), lief ihm Guy Edi im Verlauf der Saison mehr und mehr den Rang ab. Edi ist ein sehr schneller und athletischer Spieler, der mit seinem ersten Schritt viele Verteidiger hinter sich lassen und zum Korb gehen kann. Arbeiten muss er jedoch noch an seinem Wurf, der nicht konstant fällt und an seiner Einstellung. Edi reboundet für seine Position nicht wirklich gut und wäre aufgrund seiner hohen lateralen Geschwindigkeit ein sehr starker Verteidiger, wenn er den Fokus zu 100% halten würde. In der kommenden Saison mischt außerdem auch Drew Barham auf der 3 mit, der in der vergangenen Saison aufgrund seines Transfers von Memphis redshirten musste. Barham ist ein ausgezeichneter Schütze und könnte daher, wenn er sich in der Defense und am Brett reinhängt, in der kommenden Saison Minuten hinter Edi abgreifen. Die Bedingung dafür ist allerdings zunächst einmal, dass er seine Distanzwürfe trifft. Hier lag übrigens auch das Problem des Neu-Trierers Matthis Mönninghof: In den wenigen Minuten, die er auf dem Parkett stand, war er nicht sofort heiß von außen. Few erwartet von seinem Small-Forward-Back-Up aber, dass er die offenen Punkte macht und in der Defense arbeitet.

Im Frontcourt sieht es, trotz des Abgangs von Robert Sacre, rosig aus: Auf der 4 spielt mit Elias Harris der Leitwolf und Go-to-guy des Teams. Der deutsche Nationalspieler geht in sein viertes und letztes Jahr bei den Zags und bietet das komplette Paket: Erfahrung, Leadership, Intensität, Athletik, Rebounding, Post- und Perimeter-Offense. Auf College-Niveau ist Harris ein wandelndes Mismatch: Größere Gegenspieler schlägt er durch seine Schnelligkeit, kleinere und gleich große Gegenspieler postet er auf. Es gibt im Grunde nichts Negatives über Harris zu sagen, eine Problematik ergibt sich lediglich in Hinblick auf seine Profi-Karriere (siehe oben). Spielt Harris wieder eine solche Saison wie im letzten Jahr, rechne ich damit, dass er in der zweiten Runde gedraftet wird, irgendwo zwischen Position 45 und 60 (ob das gut für ihn wäre, ist allerdings eine ganz andere Frage). Neben ihm wird Foward/Center Sam Dower an den Start gehen. Der athletische Linkshänder verfügt offensiv über einen guten Hookshot und einen sicheren Midrange-Jumper. Durch sein gutes offensives Rebounding ergeben sich für ihn außerdem häufig Second-chance-Punkte. In der Defense macht Dower die Zone dicht und besticht in der Help-Defense durch ein gutes Timing beim Block. Einen viel versprechenden Rekruten erhalten die Zags durch das polnische Center-Talent Przemek Karnowski. Karnowski war eine der Säulen des polnischen Teams beim Gewinn der Silbermedaille bei der U17-WM 2010 in Hamburg und löste nach seiner Verpflichtung bei Experten und Gonzaga-Fans einen regelrechten Hype aus. Auch wenn der Linkshänder in der Offense mit seiner rechten Hand noch nicht so viel anfangen kann, wird er wahrscheinlich auch in seiner Freshman-Saison schon viele Minuten spielen. Karnowski ist als 7-Footer eine enorme Präsenz in der Zone und verfügt über eine gute Grundausbildung. Kann er sich auf das Spiel am College einstellen, hat er sicher eine tolle Zukunft bei den Zags vor sich. Vierter Spieler in der Frontcourt-Rotation wird Kelly Olynyk werden, der in der vergangenen Saison aufgrund der hohen Qualitätsdichte im Frontcourt der Zags ausgesetzt hat.

Die wohl größte Stärke der Gonzaga Bulldogs 2012/13 ist die Ausgeglichenheit des Kaders. Mit Pangos und Bell haben die Zags ein extrem talentiertes und vielseitiges Duo auf der 1 und 2, mit Guy Edi kommt ein athletischer Rollenspieler hinzu. Die Qualität der Backcourt-Rotation ist hinter den Startern zwar nicht besonders hoch, andererseits wird es hinter Pangos, Bell und Stockton auch nicht mehr viele Minuten auf den beiden Guard-Positionen geben. Der Frontcourt ist mit Elias Harris, Sam Dower und Przemek Karnowski ebenfalls stark besetzt. Gerade Harris wird in seinem letzten Jahr sein volles spielerisches Potential ausschöpfen können, er ist die unumstrittene Nummer 1 auf dem Feld. Die Zags werden auch 2012/13 wieder schnell spielen, aber im Halbfeld auch den Ball in den Post geben können. Gegen diese Ausgeglichenheit wird in der West Coast Conference kein Kraut gewachsen sein.

Die Schwächen des Teams könnten sich erneut im NCAA-Tournament gegen starke Gegner offenbaren: Überdreht Pangos auf der großen Bühne wieder und schafft es nicht, das Spiel zu kontrollieren, wird es schwer für die Zags. Die Ballverluste waren das größte Problem in der abgelaufenen Saison und hier ist vor allem Pangos gefragt, seine Spielübersicht zu bewahren und die Schwächen des Gegners bzw. die Stärken des eigenen Teams besser zu lesen. Auch im Frontcourt könnte die größte Schwäche der kommenden Saison eine nicht stattfindende Entwicklung werden: Sam Dower muss sein Talent umsetzen und in die Rolle von Robert Sacre wachsen. Vor allem bei den Rebounds muss Dower härter arbeiten, sonst steht Harris am Brett allein auf weiter Flur. Zudem müssen Olynyk und Karnowski mit ihrer geringen bzw. nicht vorhandenen Erfahrung im NCAA-Basketball schnell gute Leistung liefern, sonst sieht es hinter Harris und Dower düster aus. Kurz: Die Zags sind auf eine Entwicklung ihrer noch unerfahrenen Spieler angewiesen.

Depht Chart
Pangos/Stockton
Bell
Edi/Hart/Banham
Harris/Olynyk
Dower/Karnowski

Von den Gonzaga Bulldogs erwarte ich in der kommenden Saison eine ganze Menge. In der WCC ist kein anderes Team mit so viel Talent ausgestattet wie die Zags, hier erwarte ich eine Rückeroberung der Krone der Conference. Im NCAA-Tournament werden die Zags früher oder später auf ein Team mit mehr oder gleich hohem Talent treffen und dann wird sich zeigen, ob Pangos und Co. wirklich dazu gelernt haben, reifer geworden sind und dem Druck standhalten können. Ich rechne fest damit und einem Einzug der Zags ins Sweet Sixteen. Und Elias Harris wird seine beste College-Saison spielen, der ist heiß.

In der kommenden Saison werde ich, soweit ich dazu komme seine Spiele zu beobachten, immer wieder etwas zu Elias Harris und seinen Gonzaga Bulldogs schreiben. Eine Art Harris-Watch also, ganz im Sinne von Jalapenos toller Hansbrough-Watch auf German Hoops, aber halt irgendwie anders herum.😉
Die nächste Teampreview wird sich mit Niels Giffey und den Connecticut Huskies beschäftigen.

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