NCAA-Teampreview 2012/13: Niels Giffey, Leon Tolksdorf, Enosch Wolf und die UConn Huskies. Oder: Team Germany.

In der dritten Teampreview für die NCAA-Saison 2012/13 geht es um das Team der UConn Huskies mit den deutschen Spielern Niels Giffey, Leon Tolksdorf und Enosch Wolf. Team Germany in der NCAA quasi. Ein sehr spannendes Team aus deutscher Perspektive in einer vom Umbruch geprägten Saison.

Eigentlich bieten sich viele tolle Aufhänger für ein Teampreview der UConn Huskies aus deutscher Perspektive an. Zum Beispiel, warum wohl ausgerechnet an dieser Uni drei deutsche Basketballer spielen? Oder wie sich Niels Giffey wohl in seinem dritten Jahr in einer sehr tiefen Conference der NCAA schlagen wird? Das wären sicher interessante Fragen, im Sommer hat sich allerdings Entscheidendes bei dem Team aus Storrs, Connecticut getan, an dem man als Aufhänger einfach nicht vorbei kommt: Headcoach Jim Calhoun, der die UConn Huskies nach seinem Amtsantritt 1986 wieder zu einem Dauergast in der March Madness machte, verkündete Anfan September seinen Rücktritt. Calhoun gehört mit über 800 Karriere-Siegen und drei nationalen Championships (1999, 2004 und 2011) zu den erfolgreichsten NCAA-Coaches überhaupt und war 26 Jahre lang das Gesicht der Huskies. Und ihr Sprachrohr: Kein anderer Coach ist so berüchtigt für seine Ausraster wie Calhoun, unter denen unter anderen Journalisten zu leiden hatten. Calhoun war wirklich alles andere als ein einfacher Coach. Ich erinnere mich etwa an die historische Niederlage der Huskies gegen Georgetown im Februar 2012, als er eine komplette Auszeit damit verbrachte Niels Giffey „zurechtzuweisen“, nachdem dieser ein paar schlechte Entscheidungen in der Offense und Defense getroffen hatte. Und trotzdem war es vor allem die Person Jim Calhoun, natürlich in Verbindung mit den Erfolgen „seines“ Programms, die immer wieder junge Spieler dazu veranlasste sich für die UConn Huskies zu entscheiden. Auch wenn das für Außenstehende sehr schwer nachzuvollziehen sein mag, aber gerade auf die Meinung dieser gab Calhoun nichts. Es ging ihm um den Sport, um seine Spieler. Um Spieler wie Caron Butler, die es ihm mit starken Leistungen dankten. Jim Calhoun war als Coach ambivalent, seine Erfolge sprechen jedoch für sich. Er hat es verstanden seine Idee stets seinen Spielern anzupassen: Mit offensiv talentierten Spielern ließ Calhoun schnellen Basketball spielen, mit weniger talentierten gab es langsameres Setplay mit zahlreichen Screens, um die Schützen frei zu bekommen. Seine bärbeißige Art hat vielleicht dazu geführt, dass er mitunter – trotz seiner zahlreichen Erfolge – unterschätzt wurde, aber UConn hat im Sommer einen der ganz großen Coaches der NCAA verloren.

Sein Nachfolger Kevin Ollie, der als Point-Guard von 1991 bis 1995 unter Calhoun spielte und 2010 zum Assistant-Coach berufen wurde, tritt somit in übergroße Fußstapfen. Die Erwartung an ihn ist riesig und gleichzeitig muss Ollie sich mit einem weiteren Problem der UConn Huskies arrangieren: Da sie die akademischen Standards nicht erreicht haben (lies: die Noten der Spieler waren zu schlecht), wurden die Huskies von der NCAA von der Postseason ausgeschlossen. Das heißt: Keine March Madness und auch keine Teilnahme am Conference Tournament der Big East. Das hatte unter anderem zur Folge, dass Senior Alex Oriakhi aufgrund einer Ausnahmeregelung das College ohne Sperre wechselte und auch Roscoe Smith und Michael Bradley die Huskies im Sommer verließen. Da unter diesen Voraussetzungen keine Top-Rekruten zu erwarten waren, geht Ollie mit einer im Vergleich zu den letzten Jahren eher schwachen Mannschaft am 9. November in die NCAA-Season – übrigens auf der Ramstein Air Base in Deutschland gegen die Michigan State Spartans.

Der wichtigste Spieler der Huskies im Backcourt wird ohne Frage Point-Guard Shabazz Napier werden. Napier, der sich im Sommer einer Fuß-OP unterziehen musste, geht als Führungsspieler der Huskies in die nächste Saison und hat das Zeug dazu, einer der besten Point-Guards der Big East zu sein. Bereits in der letzten Saison war Napier bereit Verantwortung zu übernehmen, hatte mit Jeremy Lamb aber einen Spieler neben sich, der ebenfalls die Führung des Teams für sich beanspruchte. Die Folge war, dass Napier und Lamb nie wirklich zu einer Einheit wurden, was sich auf die Stimmung im gesamten Team übertrug. Hinzu kam außerdem, dass es ihm nicht gelang seine individuellen Fähigkeiten ins Team einzubringen. Häufig wirkte er überfordert und fand nicht die richtige Balance zwischen eigener Offense und der Integration seiner Mitspieler. Frustration und öffentliche Wutausbrüche gegenüber seinen Teamkollegen waren die Folge. In der kommenden Saison sind die Vorzeichen jedoch anders: Lamb spielt in der NBA und es gibt keinen Spieler im Team, der Napier seine Rolle streitig machen könnte. In dieser äußerst schwierigen Saison des Umbruchs liegt es an ihm, sein individuelles Potential für die Huskies auf das Parkett zu bringen und seine Mitspieler besser zu machen. Mit seinem offensiven Talent – Napier verfügt über einen guten Distanzwurf, einen schnellen Antritt und kann in Korbnähe abschließen – und seiner aggressiven Defense ist er in der Lage Spiele zu entscheiden. Wenn er seine Emotionen im Griff hat und sein Spiel besser kontrollieren kann, wird Napier der Leader of the Pack sein, der er selber so unbedingt sein möchte und den die Huskies brauchen.
Neben ihm wird voraussichtlich Ryan Boatright starten. Der gelernte Point-Guard geht nach einer durchwachsenen Freshman-Saison in sein zweites Jahr bei den Huskies. Boatright ist athletisch, schnell und ein guter Ballhandler. Auch er hatte in der vergangenen Saison seine Probleme, neben Napier und Lamb blieb auf den Guard-Positionen nicht viel vom offensiven Kuchen für ihn übrig. Mit mehr Ballkontakten sollte sich Boatright jedoch zu einem verlässlichen Scorer entwickeln. Wenn er außerdem in der Defense zulegt kann sich Coach Ollie über sein Duo auf der 1 und 2 nicht beschweren. Einen guten Teil seiner Minuten wird Boatright auf der 1 verbringen, wenn Napier nicht im Spiel ist. Den Huskies fehlt ein weiterer Point-Guard als Back-Up, stattdessen gibt es sehr viele Spieler im Team, die auf der 2 spielen können.
Einer davon ist R.J. Evans, der als Senior von den Holy Cross Crusaders nach Storrs wechselt. Der Shooting-Guard mit deutschen Wurzeln (Teamintern ist daher schon von der „Berlin Wall“ und „Team Germany“ die Rede) bringt ganz verschiedene Dinge mit, die den Huskies in der nächsten Saison helfen können: einerseits Erfahrung als einziger Senior, andererseits Muskelmasse in dem doch eher leichtgewichtigen Team. Zwar ist Evans mit seiner Masse nicht der schnellste Spieler und wird offensiv keine Spiele entscheiden, gilt aber als Muster in Sachen Arbeitsmoral und Einstellung. Evans wird dem Team als Rollenspieler von der Bank helfen.
Auf der Small-Forward-Position wird in meinen Augen Niels Giffey seine große Chance erhalten und als Starter in die Saison gehen. Coach Kevin Ollie hält sehr viel von dem spielintelligenten Deutschen, der es unter Jim Calhoun nicht immer leicht hatte und auch für kleine Fehler sehr häufig durch Bankminuten abgestraft wurde. Giffey bietet jedoch viele Qualitäten, die den Huskies eigentlich sehr nützlich sein könnten: Er ist der wohl smarteste Basketballer im Team, ein Winner-Typ, hat sich auf dem College auch zu einem guten Verteidiger entwickelt und ist in der Offense durchaus variabel. Sein Problem: Er hat diese Qualitäten bisher kaum für die Huskies auf das Parkett bringen können. Giffey wird am College eher als Spot-Up-Shooter gesehen, der als Rollenspieler konstant seine Dreier versenken, solide am Brett arbeiten und gut verteidigen soll. Tatsächlich war er der beste Distanzschütze in der vergangenen Saison und auch sonst sind seine Quoten durchaus vorzeigbar. Allerdings hat er weder bedeutende Minuten gesehen, noch besonders viele Würfe bekommen: In der offensiven Nahrungskette rangierte Giffey unter ferner liefen. Eine Rolle, die Giffeys vielseitigem Talent leider nicht gerecht wird. Darin bestärkt, seine Rolle vielseitiger zu interpretieren und auch mal mit Dribblings den Korb zu attackieren, wurde er von Calhoun nicht. Ganz im Gegenteil: Verlor Giffey mal bei einer Penetration den Ball, gab es Ärger. Man bekam den Eindruck, dass diese Situation am Selbstbewusstsein des jungen Deutschen nagte. Mitunter verweigerte Giffey offene Würfe oder war beim Zug zum Korb zu zögerlich, was nicht wirklich zu steigender Spielzeit führte. Eine Abwärtsspirale, die bei den Fähigkeiten Giffeys völlig unnötig war. In der kommenden Saison kann es sich Ollie eigentlich nicht leisten, Giffey mit seiner Erfahrung und Vielseitigkeit nicht 20+ Minuten zu geben. Zwar wird Giffeys Hauptaufgabe weiterhin nicht das Scoring sein, aber mit der steigenden Spielzeit kommt der Rest vielleicht von alleine. Seine Chance sollte er nutzen.
Mit Omar Calhoun (nicht mit Jim Calhoun) verwandt, wartet nämlich ein offensiv sehr potenter Freshman nur darauf, Spielzeit und im besten Fall einen Platz in der Starting Five zu erhalten. ESPN rankt Calhoun unter den Top-50-Rekruten der Klasse von 2012 und er gilt als sehr ehrgeiziger Arbeiter. Sollte der eigentliche Shooting-Guard aufgrund des Überangebots an Spielern auf seiner angestammten Position auf der 3 spielen, könnte er sich zu einem ernsthaften Konkurrenten für Niels Giffey entwickeln. Wahrscheinlich wird er sich jedoch die Minuten mit Boatright und Evans auf der 2 teilen.
Der eigentliche Hauptkonkurrent im Kampf um Minuten auf der Small-Forward-Position wäre DeAndre Daniels. Der sehr athletische und vielseitige Scorer besitzt jedoch auch die Größe und Kraft um auch auf der 4 seinen Mann zu stehen.

Der Frontcourt der Huskies ist nach den Abgängen von Drummond und Oriakhi nämlich alles andere als tief besetzt. Wichtigster Spieler in Korbnähe ist Power-Forward Tyler Olander, der vom Rollen- zum Führungsspieler reifen muss. Bereits in der vergangenen Saison überzeugte der Junior durch Hustle-Plays und Intensität. Um die Huskies jedoch im Low Post offensiv tragen zu können, muss Olander noch deutlich zulegen. Von ihm wird in der kommenden Saison eine ganze Menge abhängen, der Jumpshot als seine bisher stärkste offensive Waffe wird nicht mehr reichen. Auch beim Rebounding muss Olander seinen Nachteil an Kraft und Masse durch geschickteres Stellungsspiel ausgleichen. Den Willen dazu besitzt er. Möglich ist zudem, dass Olander als Center spielen wird.
Der einzige echte Center im Team der Huskies ist nämlich Enosch Wolf. Der Göttinger, der vor seiner Rekrutierung als Regionalligaspieler unter sämtlichen Radaren flog, dürfte wie kein anderer Spieler im Team von der aktuellen Situation der Huskies profitieren. Seine bisherige Spielzeit von deutlich unter fünf Minuten pro Spiel (1,3 MpG 2011/12) wird sich in der kommenden Saison aufgrund des Mangels an Alternativen voraussichtlich vervielfachen. Was zunächst negativ klingen mag könnte sich zu der großen Chance entwickeln, auf die Wolf hinter Drummond und Oriakhi gewartet haben muss. Coach Ollie wird Wolf Spielzeit geben und der hat nun die Möglichkeit alle Fans, Experten und seinen Coach von den eigenen Qualitäten zu überzeugen. Ich selber habe Wolf nie wirklich spielen sehen, lediglich in ein paar nicht besonders relevanten Garbage-Minuten. Allein aufgrund seines Körpers, Wolf gehört zu den eher seltenen 7-Footern der Liga, sollte er in der Lage sein, sich in der NCAA zu behaupten. Ist er in der Lage offensiv einen soliden Output zu liefern und am Brett und in der Defense gut zu arbeiten, wird Wolf sicher über 20 Minuten spielen.
Hinter Olander und Wolf wird die Luft dann wirklich dünn. Zwar kommt mit Leon Tolksdorf ein hoch veranlagter deutscher Freshman, der als Combo-Forward auf der 3 und 4 spielen kann und eine tolle letzte NBBL-Saison für ALBA Berlin gespielt hat (17 PpG, 13 RpG). Inwieweit er sich auf die Athletik in der NCAA einstellen kann ist jedoch noch fraglich. Tolksdorf bringt dem Team auf jeden Fall Range auf der 4, leider fehlt dem Team aber eher Muskelmasse im Low Post und ein starker Rebounder. Ob der junge Deutsche bereits in seiner ersten College-Saison viele Spielminuten erhält, bleibt fraglich.
Ein echter Banger unter dem Korb scheint auch Freshman Philip Nolan nicht zu sein. Aber auch Nolan wird seine Chance bekommen, alleine schon aufgrund seiner Größe (er ist mit 2,08m einer der größten Spieler des Teams). Vielleicht gelingt es dem eher schmal gebauten Power-Forward (92kg) sich als Center durchzusetzen.

Die Stärke der Huskies liegt eindeutig im Backcourt. Mit Napier, Boatright und Calhoun verfügt Coach Ollie über drei schnelle, offensiv starke und aggressiv verteidigende Guards, mit denen man ein hohes Spieltempo gehen kann. Vielleicht sieht man auch eine Pressverteidigung über das ganze Feld, auf jeden Fall sollten die Huskies auf einfach Punkte aus Überzahlsituationen aus dem Fastbreak setzen.

Allerdings benötigt man für diese Spielweise auch die entsprechenden Rebounder, aber unter dem Korb sieht es eher mau aus. Das könnte zur größten Schwäche der Huskies werden, sowohl offensiv als auch defensiv. Wolf hat als einziger echter Center kaum Wettkampferfahrung auf College-Niveau, die Freshmen Nolan und Tolksdorf sowieso nicht. Tyler Olander und DeAndre Daniels werden es vermutlich richten müssen, aber so richtig überzeugt haben die beiden bisher auch nicht. Man kann nur hoffen, dass die Schwäche zur Stärke wird und vor allen Dingen Wolf seine Chance nutzt.
Eine weitere Schwäche ist sicherlich der Druck, der auf Headcoach Kevin Ollie lasten wird. Ollie erhielt nur einen Einjahresvertrag und kämpft in der kommenden Saison um seine Zukunft als Headcoach. Eine Losing-Season können sich die Huskies trotz ihres Umbruchs daher eigentlich nicht erlauben. Im schlechtesten Fall könnte dies dazu führen, dass Ollie die Rotation extrem verkürzt und den unerfahreneren Spielern die Minuten nimmt. Andererseits ist Ollie Calhouns Protegé: Sägt man Olli ab, verliert man auch Calhoun, der noch immer viel Einfluss und sein Büro auf dem Campus besitzt.
In der kommenden Saison ist für die Huskies alles möglich, eine extrem spannende Saison zeichnet sich ab. Und das, obwohl das Team nicht an der Post-Season teilnehmen wird.

Depht Chart
Mir fällt es schwer, die Rotation abzuschätzen. Auf der 1 und der 5 gibt es nur sehr wenige Spieler, auf der 2, 3 und 4 gibt es quasi ein Überangebot. Viele Spieler werden also auf ihnen „fremden“ Positionen spielen müssen. Ich tippe auf diese Rotation zu Beginn der Saison:

Napier/
Boatright/Calhoun/Evans
Giffey/Daniels
Olander/Tolksdorf
Wolf/Nolan

Mich würde es allerdings auch nicht wundern, wenn die Rotation im Saisonverlauf so aussähe:

Napier/
Boatright/Evans
Calhoun/Giffey
Daniels/Nolan/Tolksdorf
Olander/Wolf

Die UConn Huskies sind für mich eine absolute Wundertüte, während der Saison kann da viel passieren. Ein sehr spannendes Team. Ich erwarte allerdings (knapp) eine Winning-Season, die Vertragsverlängerung für Kevin Ollie und famos aufspielende Deutsche.

Und weil ich meine Prognose prüfen möchte, werde ich auch über die Entwicklung der Huskies und insbesondere der deutschen Spieler regelmäßig hier berichten.
Die nächste NCAA-Teampreview widmet sich dem aktuellen NCAA-Champ, den Kentucky Wildcats.

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