NCAA-Teampreview 2012/13: Kentucky Wildcats

In der vierten NCAA-Teampreview geht es um den aktuellen Champ: die Kentucky Wildcats.

Kein Team im College-Basketball steht vor einer ähnlichen Herausforderung wie der aktuelle Champion, die Kentucky Wildcats. Sechs Spieler, so viele wie nie zuvor bei einem College-Team, verließen die Cats nach der so erfolgreichen Saison in die NBA und damit 90% aller Werte in den relevanten Statistik-Kategorien (Points per Game, Minutes pG, Rebounds pG, etc.). Fast das komplette Team, das in der March Madness 2012 die Krone des College-Basketball erringen konnte und als eines der stärksten Teams aller Zeiten gilt, ist somit weg. Anthony Davis, Michael Kidd-Gilchrist, Terrence Jones, Marquis Teague, Doron Lamb und Darius Miller – weg. Die verbliebenen Spieler um Kyle Wiltjer haben in der vergangenen Saison vornehmlich in der Garbage Time von sich reden machen können. Einen Großteil der Spielminuten des Teams aus Lexington werden somit auch in der kommenden Saison Freshmen, die nach einem Jahr am College in die NBA wechseln, unter sich ausmachen. Dass muss man nicht gut finden, aber die One-and-dones sind systemimmanent, die NBA und NCAA wollen das so. Kentucky holt lediglich das Beste aus der bestehenden Regelung (Spieler dürfen sich frühestens ein Jahr nach ihrer High-School und mit mindestens 19 Jahren für den Draft anmelden). Die Herausforderung für Headcoach John Calipari ist indes, aus dieser Ansammlung hoch veranlagter junger Basketballer einen Contender für den Titel zu formen. Inwieweit ihm das gelingen kann, bleibt abzuwarten, gilt das Team der Wildcats in dieser Saison doch als weniger talentiert und „tough“ als die Championship-Truppe.

Im Backcourt wird es ein Novum für Coach Calipari geben, denn erstmals seit seinem Amtsantritt als Headcoach bei den Cats 2009 wird er mit einem Point-Guard in die Saison gehen, der kein Freshman ist: Nach seinem ersten Jahr bei den North Carolina State Wolfpack und einem Jahr Sperre wird Ryan Harrow ab 2012/13 als Sophomore für die Wildcats auflaufen. Harrow ist ein sehr flinker Spieler mit starkem Ballhandling und gutem Distanzwurf, aber mit etwa 75 kg bei 1,83 m für einen Calipari-PG eher klein und schmal auf der Brust. Auch im Abschluss in Korbnähe ist der Guard mit der hohen Stimme und der auffälligen Flat-top-Frisur nicht so gefährlich wie die körperlich sehr starken John Wall und Marquis Teague. Daher ist Harrow in Caliparis Dribble-Drive-Motion-Offense (DDMO), in der die Guards als erster offensiver Option aus dem Dribbling den Korb attackieren, eigentlich nicht die optimale Besetzung. Für den 21jährigen Point-Guard aus Marietta (Georgia), der Stadt mit dem Stahlhuhn, galt es also  in seiner Ineligible-Saison und dem vergangenen Sommer an diesen Schwächen zu arbeiten. So hat Harrow nicht nur an Muskelmasse zugelegt sondern auch seine Zeit ohne Wettkampfpraxis dafür genutzt, gegen körperlich überlegene PG – nämlich eben seine UK-Vorgänger Marquis Teague und John Wall – anzutreten und somit seine Fähigkeiten beim Drive zum Korb zu verbessern. Bei ESPNs All Access, der Doku-Show über die Kentucky Wildcats, wird dann aber auch deutlich, dass Calipari einerseits vorbeugt und Archie Goodwin auf einen Einsatz als PG vorbereiten möchte und andererseits von Harrow viel erwartet und kaum einen anderen Spieler der Cats im Training so kritisiert. Ob er letztendlich das liefern kann, was Calipari von ihm erwartet, wird sich zeigen müssen.
Neben Harrow wird Freshman Archie Goodwin starten. Goodwin ist der Prototyp des Calipari-Shooting-Guards: Überathlet, starker Körper, Slasher und aggressiver Defender, der eine hohe Intensität auf das Parkett bringt. Wie bereits erwähnt, könnte der Guard aus Little Rock (Arkansas) auch Minuten auf der 1 erhalten, wenn Harrow die an ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllen kann. Sicher ist auf jeden Fall, dass Goodwin zu den Topscorern der Cats gehören wird.
Hinter Harrow und Goodwin wird Julius Mays die erste Option von der Bank für den Backcourt der Kentucky Wildcats sein. Als Transfer von der Wright State University, wo Mays seine Junior-Saison verbrachte, nachdem er von den North Carolina Wolfpack kam, wird der Combo-Guard aus Marion (Indiana) eine wichtige Rolle für die Cats spielen: Als Senior bringt Mays Erfahrung in dieses junge Team und ist einer der wenigen guten Schützen vom Halbkreis.
Dann wird die Luft im Backcourt bereits äußerst dünn. Zwar stehen mit Jarrod Polson, Jon Hood, Twany Beckham, Brian Long und Sam Malone noch fünf weitere Backcourt-Spieler im 12er-Roster der Wildcats, aber so gut wie keiner von ihnen verfügt über Wettkampfpraxis von mehr als fünf Minuten pro Spiel. Am ehesten traue ich hier noch Jarrod Polson eine etwas größere Rolle zu, Polson machte beim öffentlichen Trainingsspiel der Cats auf mich einen guten Eindruck. Man sollte für die Kentucky Wildcats allerdings mit einer eher kurzen Rotation auf den Guard-Positionen rechnen.

Im Frontcourt startet mit Alex Poythress ein hoch veranlagter Freshman auf der Small-Forward-Position und wird der wahrscheinliche Topscorer des Teams. Noch mehr als Goodwin ist Poythress ein unheimlich starker und schneller Athlet und besitzt mit 2,01 m bei etwa 106 kg Gardemaße für einen Forward. Seine größte Stärke in der Offense liegt eindeutig im Zug zum Korb, wo er sich mit seiner Kraft und Athletik gegen so gut wie jeden Gegner durchsetzen kann. Der Combo-Forward aus Clarksville (Tennesse) ist ein wandelndes Mismatch für seine Gegner: Größere Gegner schlägt er im Dribbling durch seine Schnelligkeit, kleinere und gleich große Verteidiger postet er auf. Poythress ist außerdem mit seinen langen Armen ein sehr starker Rebounder und wird viele Second-Chance-Punkte durch Offensive-Rebounds sammeln. Auch defensiv gehört er zu den besten Spielern in Caliparis Team: Durch seine Schnelligkeit und Kraft ist er in der Lage sowohl schnelle Small-Forwards als auch große Power-Forwards zu verteidigen. Trifft er noch seinen Distanzwurf etwas konstanter, bietet Poythress das komplette Paket.
Hinter Poythress könnte die Stunde von Jon Hood schlagen. Kein anderer Spieler im Roster der Cats spielt so lange unter Calipari wie der „Local hero“ aus Madisonville (Kentucky), genau genommen wurde er sogar noch von Coach Cals Vorgänger Billy Gillispie rekrutiert. Hood gilt als typischer weißer Shooter, was diversen Berichten zufolge jedoch ein Vorurteil sei und sich beim oben erwähnten Scrimmage durchaus bestätigte. Vielleicht bekommt Hood also die Chance hinter Poythress ein paar Minuten abzugreifen, wenn er aggressiv verteidigt und den Korb attackiert.
Kyle Wiltjer hatte als einziger Spieler der Wildcats einen erwähnenswerten Anteil an der Championship im März. Mit seiner Erfahrung aus der vergangenen Saison und als bester Schütze im Team (43% 3FG) ist Wiltjer die ideale Stretch-Four in Caliparis DDMO und wird seine Einsatzzeit folglich signifikant steigern. Damit sich das im Saisonverlauf nicht ändert, sollte der Power-Forward aus Portland (Oregon) dringend an seinem Postgame, seiner Defense und seinem Rebounding arbeiten. Gelingt ihm dies, sollte er ein sehr wertvoller Spieler im relativ dünnen Frontcourt der Cats werden.
„I’ll be taking my talents for college to play at the University of … KENTUCKY!“ Etwas holpriger, aber mit ähnlichem Hype für College-Verhältnisse, verkündete Nerlens Noel im April in LeBron-James-Manier seine zukünftige Durchlaufstation auf dem Weg in die NBA. Dass er sich mit seinem Potential nach einem Jahr für den Draft anmelden wird, gilt als sicher. Auf dem Weg dahin heißt es für den Forward/Center aber vor allen Dingen, seinem eigenen Hype gerecht zu werden. Und das könnte für Noel, der bereits mit Alonzo Mourning verglichen wurde, schwerer werden als gedacht: Zwar verfügt er über unglaubliche Reflexe, Schnelligkeit sowie Instinkt in der Defense – speziell beim Shotblocking, hat aber das Pech, im Jahr 1 nach Anthony Davis spielen zu müssen: Davis hat im vergangenen Jahr beim Shotblocking sämtliche Rekorde gebrochen. Unweigerlich wird Noel mit Davis verglichen werden und in diesem Vergleich gut auszusehen, ist nicht gerade leicht. Vor allen Dingen, weil Davis auch offensiv weit weniger roh war, als es Noel ist. Noel verfügt weder über einen Jumpshot noch über ein Postgame und lebte in der Offense bisher von Offensive-Rebounds und Lob-Anspielen. Diese wiederum gibt es in Caliparis DDMO für den backdoor cuttenden Inside-Spieler zuhauf, siehe Anthony Davis. Noel wird ohne Frage eine defensive Macht für die Wildcats sein, muss sich offensiv allerdings noch steigern. Zwar mag er im Vergleich zu Davis nicht immer gut aussehen, aber das wird ein tolles Jahr für den Center aus Everett (Massachusetts).
Hinter Wiltjer und Noel wird Freshmen Willie Cauley-Stein auf der 4 und der 5 spielen. Cauley-Stein ist ein 7-Footer, der einerseits aufgrund seiner Schnelligkeit den Break laufen und Power-Forwards am Perimeter verteidigen kann, andererseits wegen seiner Kraft und Größe auch im Post überzeugt. Wie bei Noel liegen die Stärken des Bigman aus Olathe (Kansas) eher in der Defensive als in der Offensive, Cauley-Stein verfügt noch über kein ausgeprägtes Postgame oder einen Jumpshot. Das könnte zu Schwierigkeiten führen, wenn Noel und Cauley-Stein nebeneinander auf dem Feld stehen. In diesem Fall müsste Calipari seine Offense umstellen, um beide Spieler einzubinden. Defensiv wäre dieses Duo allerdings furchterregend.

Die Stärke der Kentucky Wildcats liegt in der kommenden Saison in der Defense. Mit Noel hat man einen der besten Verteidiger des Landes auf der 5, dazu üben Harrow, Goodwin und Poythress enormen Druck auf die ballführenden Spieler aus. Aus daraus resultierenden Ballgewinnen werden sich zahlreiche einfache Fast-Break-Punkte ergeben. Im Setplay wird sich zeigen müssen, wie gut sich Harrow in Caliparis System einfügen kann und Noel sein Spiel weiterentwickelt. Gelingt beides, werden die Cats auch im Halbfeld wieder eine Macht sein.

Die größte Schwäche der Cats ist die fehlende Tiefe des Kaders. Hood und Polson haben in der letzten Saison kaum bzw. keine Minuten gesehen, sind aber die wahrscheinlichsten Alternativen hinter den sicheren Startern bzw. Backups. Ohne die beiden stünde Calipari lediglich eine 7er-Rotation zur Verfügung, an eine Verletzung mag man gar nicht erst denken. Ein weiteres Fragezeichen steht hinter der Intensität und Aggressivität des Teams, das nicht im Ansatz über so viele Winner-Typen verfügt wie das Team der vergangenen Saison.

Depht Chart
Harrow/Polson
Goodwin/Mays
Poythress/Hood
Wiltjer/
Noel/Cauley-Stein

Von dieser Ansammlung hoch talentierter Spieler erwarte ich erneut die SEC-Championship und eine beeindruckende Winning-Season. Für die NCAA-Krone fehlt mir allerdings der starke Point-Guard, die Winner-Mentalität und offensive Power im Post. Fraglich ist für mich sogar, ob es die Cats überhaupt ins Final Four nach Atlanta schaffen werden.
Außerdem werden sich lediglich drei Spieler für den Draft anmelden (Goodwin, Noel und Poythress). Champion werden die Wildcats erst wieder 2014, dann mit einem Mix aus einer Über-Recruiting-Class und erfahrenen Spielern.

Bis zur Saisoneröffnung am 9. November sollen hier noch mindestens Teampreviews zu den Favoriten auf die NCAA-Krone folgen: den Indiana Hoosiers und den Louisville Cardinals. Vielleicht auch noch eins zu den Ohio State Buckeyes…

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